Matthäuspassion im Münster Bern 2011

Bund vom 19.4.2011

Wer sich an Bachs Matthäuspassion wagt, muss sich seiner Sache sicher sein. Das monumentale Werk mit seiner doppelchörigen, über dreistündige Klangarchitektur erfordert ein Höchstmass an vokalem und instrumentalem Können und Durchhaltevermögen – auch beim Publikum.
Um es gleich vorwegzunehmen: Niemand musste es bereuen, den frühlingshaften Sonntagnachmittag nicht im Freien, sondern drinnen hinter Sandsteinmauern im Münster verbracht zu haben. Die rund achtzig Sängerinnen und Sänger der Berner Kantorei, der Zürcher Kantorei zu Predigern und des Münster Kinderchors zeigten sich vom Dirigenten Johannes Günther perfekt vorbereitet. Sie liessen den Eingangschor aufblühen, warm, dunkel, dynamisch, mit guter Diktion und in den hohen und tiefen Registern schön ausbalanciert. Ein klingendes Versprechen. Es hielt drei Stunden. Der Chor zeigte kaum Ermüdungserscheinungen. Und auch die solistischen Einwürfe (Magd, Zeugen) der Chorsängerinnen bestärkten den positiven Gesamteindruck. Man wird die Chöre als Höhepunkte in Erinnerung behalten.
Begleitet werden sie vom zweigeteilten Ensemble la fontaine auf historischen Instrumenten, einer Gruppe vorzüglicher Solisten: Eindringlich und voller Intensität sind die Soli, welche die Violine und Bläser den Vokalsolisten beisteuern.

Dass sich Johannes Günther in den Instrumentalsoli und Arien als Dirigent ganz zurücknimmt und die Solisten sozusagen taktfrei walten lässt, führt jedoch zuweilen dazu, dass die Tempi und mit ihnen die Spannungsbogen nachlassen. Ulrike Holbauer (Sopran) überzeugt durch ihre direkte Dramatik und lebendige Verzierungskunst, Ruth Sandhoff durch ihren gehaltvollen voluminösen Mezzo-Sopran. Der Tenor Jakob Pilgram und der (hohe) Bass Martin Hempel (Arien) haben neben ihrem jungen Kollegen Manuel Walser an diesem Konzert einen schweren Stand: Der erst 22-jährige Bariton ist die Entdeckung des Abends. Er singt die Christus-Partie mit einer natürlichen, unforcierten Kraft, voller Schönheit, Wortdeutlichkeit und Intensität, dass es rundum eine Freude ist. Dass er am 21. und 22. April die gleiche Partie mit dem Chor Ipsach in einer Aufführung der Matthäuspassion im Kongresshaus Biel singen wird, muss man sich merken. Ein hochstehendes Passionskonzert mit viel Licht. Und das ist nun nicht nur symbolisch gemeint: Der dynamische Chorkörper liess sich nicht davon irritieren, dass er beim Singen von der Frühlingssonne, die durch die Münsterfenster strahlte, geblendet wurde.  Marianne Mühlemann

This entry was posted in News. Bookmark the permalink.

Comments are closed.